Mitigatti: Tarock aus Nizza, 1930
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Lü Tarocche

Mitigatti: Historisches Tarock aus Nizza

Einleitung

Das Spiel Mitigatti aus Nizza, von dem François Cason (1930) berichtet, hat mehr gemein mit dem piemontesischen Tarock als mit dem modernen französischen Tarock. Nizza gehörte, wie Savoyen, bis 1859 zum Königreich Sardinien-Piemont. Spielelemente wie die Meldung von Kombinationen wichtiger Karten, Wertungspunkte für gewonnene Karten und Pagat ultimo findet man hier in sehr puristischer Form. Von seinem Format her gleicht das Spiel zu dritt, wie andere piemontesische Mitigati-Varianten, dem Grosstarock oder dem Tarock des Abbé Marolles. Das Spiel zu viert ist ein Königrufen mit Verwandschaft zu Formaten wie dem Tübinger Tarock.

Das Spiel wird vermutlich heute, im frühen 21. Jh., nicht mehr gespielt. Schon Cason schreibt, dass es seinerzeit kaum noch bekannt war.

Karten

Es wird ein Tarockblatt mit 78 Karten benötigt.

Cason beschreibt das Spiel als mit italienischfarbigen Tarockkarten gespielt, den gleichen, die heutzutage als Tarot de Marseille bekannt sind. Er sagt auch, dass es seit 1890 keinen Spielkartenhersteller in Nizza mehr gibt und die Spieler zu französischfarbigen Tarockkarten übergegangen sind (wie das auch die anderen französischen Tarockspieler ab 1900 getan haben).

Die Karten haben vier Farben: spada (Schwerter, entspricht Pik), baston (Stäbe, Kreuz), cupa (Kelche, Herz), denari (Münzen, Karo). In jeder Farbe gibt es die Bilder rei (König), dama (Dame), cavau (Reiter, Cavall) und fantin (Bube), sowie 10 cartes blanches (weisse Karten, d.h. ohne Bild) von Ass bis 10. Die Reihenfolge ist in den

langen (schwarzen) Farben Schwerter und Stäbe:
     König, Dame, Cavall, Bube, Ass, 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2;

runden (roten) Farben Kelche und Münzen:
     König, Dame, Cavall, Bube, Ass, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10.

Das Ass ist also immer die fünfthöchste Karte.

Dann gibt es die 21 tarocche (Tarock), deren Rangfolge ebenfalls etwas ungewöhnlich ist. Von oben nach unten: XX (20, l’Ange, der Engel), XXI (21), XIX (19), XVIII (18), usw., nach VI (6) kommen V (5), IV (4), III (3) und II (2), die gleichrangig sind und papote (Päpste) heissen, niedrigster Tarock ist I (1), bagatte (Pagat). Als 78. Karte gibt es dann noch il matto bzw. lu fuole (Narr, entspricht dem Sküs). Narr, Pagat und Engel sind onor (Honneurs, entsprechend den österreichischen Trullstücken).

Der Gesamtwert der Karten ist gleich Zahl der Stiche plus Eigenwerte der Karten. Einen Eigenwert haben: Könige und Honneurs je 4, Damen 3, Cavalls 2, Buben 1. Andere Karten haben keinen Eigenwert.

NB. Dass die Nummern in den runden/roten Farben umgekehrt wie in den langen/schwarzen Farben rangieren, findet man in den meisten älteren Tarocktraditionen. Das Ass gleich unter dem Buben ist ein Merkmal einiger französischer Spiele, wie Écarté oder Impériale. Die Gleichrangigkeit der «Päpste» gibt es auch in einigen piemonteser Varianten und im bologneser Tarock. Dass der Angelo, der (Erz-)Engel (Garbriel), höchster Tarock ist, und nicht Mondo, die Welt, ist ein Merkmal fast aller italienischen Spieltraditionen, bis auf der von Mailand, auf die die ausseritalienischen Spielarten zurückgehen und auf der die Numerierung der Tarock basiert.

Spielziel

Es gibt drei Wertungen:

Accussassion. Bestimmte Kombinationen von auf der Hand gehaltenen, für das Spiel bedeutsame Karten.

La partida. Die Kartenpunkte.

Faire bagatte ultimu (Pagat ultimo machen) bzw. kurz faire bagatte, den Pagat im letzten Stich spielen.

Die Wertungen werden in Marken gewonnen oder bezahlt, jeder Spieler beginnt mit 10 Marken.

Spielerzahl

Man kann mit drei oder vier aktiven Spielern spielen. Zuerst wird das Spiel zu dritt beschrieben, weil das von den Regeln her etwas einfacher ist. Populärer war wohl das Spiel zu viert, jedenfalls ist das die Hauptvariante von Cason.

Geben und spielen oder auf den Berg gehen

Es geht rechts herum, gegen den Uhrzeigersinn.

Jeder spielt gegen jeden, es gibt keine festen Parteien.

Jeder Spieler erhält 25 Karten vom Geber, zuerst 9, dann 6, dann 10.

Nach der letzten Geberunde hat der Geber drei Karten über, die er in seine Hand aufnimmt und dann drei Karten drückt, d.h. verdeckt vor sich ablegt. Die abgelegten Karten zählen als Stich zugunsten des Gebers. Nicht gedrückt werden dürfen Könige und Honneurs. Andere Tarocks dürfen gedrückt werden, wenn der Geber die anderen darüber informiert.

Nach jeder Geberunde gibt es eine Pause und die Spieler sagen entweder tenir (ich nehme sie, die Karten), wenn sie spielen wollen, oder anar a monte bzw. au mügiu (ich geh auf den Berg), wenn sie das Spiel abbrechen wollen. Wenn alle drei während einer Geberunde lieber auf den Berg gehen wollen, werden die Karten zusammengeworfen und derselbe Geber gibt noch einmal; anders gesagt, wenn einer tenir sagt, wird die nächste Runde Karten gegeben bzw. das Spiel findet nach der letzten statt.

Abspiel der Karten

Der Spieler rechts vom Geber spielt die erste Karte, jeder legt eine dazu. Die Regeln entsprechen denen fast aller Tarockspiele, inclusive der für die Papons, wo es diese gibt (Bologna, Piemont):

  • Es muss Farbe bedient werden, d.h. wer Karten der angespielten Farbe auf der Hand hält, muss eine davon spielen.
  • Wer nicht bedienen kann, oder wenn Tarock angespielt wurde, muss Tarock spielen.
  • Der höchste Tarock gewinnt den Stich, oder die höchste Karte der angespielten Farbe, wenn kein Tarock gespielt wurde.
  • Sind mehrere der gleichrangigen Papons (Tarock V, IV, III, II) höchste Karten im Stich, dann gewinnt diesen der zuletzt gespielte.
  • Der Gewinner eines Stichs spielt zum nächsten an.
  • Der Narr kann jederzeit gespielt werden anstatt zu bedienen oder Tarock zu spielen, und wird dann zu den Stichen seines Halters abgelegt, kann also nicht verloren gehen, macht aber auch keinen Stich. Cason sagt nichts darüber, was passiert, wenn der Narr als erste Karte zum Stich angespielt wird; eine oft zu findende Regel für diesen Fall wäre, dass die zweite Karte bestimmt was der dritte Spieler bedienen muss.

Spieler, die das moderne französische Tarock kennen, werden bemerken, dass es nicht nötig ist einen gespielten Tarock zu überstechen, wenn man Tarock spielen muss. Die moderne französische Regel ist in diesem Punkt einzigartig unter den Tarcockvarianten.

Meldungen

Ein Spieler kann folgende Kartenkombinationen, accussassion, die er auf der Hand hält, melden und erhält dafür nach Ende das Spiels von jedem anderen Mitspieler eine Marke:

Mitigatti. Die drei Honneurs auf einer Hand.

Quatre rei. Alle 4 Könige auf der Hand.

10 tarocche. Mindestens 10 Tarock auf der Hand, inklusive des Narren.

Um die Tarock zu melden, müssen 10 Tarock offen ausgelegt werden, sobald der Spieler seine erste Karte spielt. Der Spieler kann mehr halten, zeigt aber immer nur zehn seiner Wahl und sagt auch nicht, wie viele gehalten werden. Mitigatti und Könige werden erst gemeldet wenn der Spieler die letzte der fraglichen Karten spielt.

Mitigatti kann man auch dann melden, wenn die Honneurs schon Teil der 10-Tarock-Meldung waren, und erhält dann natürlich zwei Marken, eine für Mitigatti, eine für 10 Tarock.

Faire bagatte

Ein Spieler, der den letzten Stich mit dem Pagat macht, erhält von jedem anderen Spieler nach Spielende zwei Marken. Spielt er den Pagat im letzten Stich, macht ihn aber nicht muss er zwei Marken an jeden Mitspieler zahlen. Das zu Fall bringen des Pagat, petar bagatte, ist also ein Gemeinschaftsprojekt der Spieler, die in nicht halten.

Bedingung für Pagat ultimo. Der Spieler, der den letzten Stich mit Pagat macht, erhält allerdings nur dann die zwei Marken, wenn er sich während des Spiels an folgende Zusatzregel gehalten hat: Hat er eine Farbe (aber nicht Tarock) zu einem Stich angespielt (als erste Karte zum Stich gespielt) und kommt er sofort oder später wieder ans Spiel, so muss er die angespielte Farbe solange fortsetzen, wie er Karten dieser Farbe hält.

Cason sagt nicht, ob der Pagat, wenn er im letzten Stich gespielt und verloren wird, auch dann zwei Marken an jeden Gegenspieler kostet, wenn der Spieler die Zusatzregel vorher nicht eingehalten hat, also keine Berechtigung auf den Gewinn hatte. Vermutlich erhalten die anderen Spieler in diesem Fall nichts.

La partida

Nach Ende des Spiels werden die Kartenpunkte gezählt. Die Eigenwerte der Karten machen zusammen 52 Punkte aus, dazu gibt es 26 Stiche (die Ablage des Gebers zählt als Stich), insgesamt gibt es also 78 Kartenpunkte. Wer die meisten hat, gewinnt la partida. Wer ein unterdurchschnittliches Ergebnis hat – weniger als 26 – zahlt an den Sieger eine Marke; wenn es weniger als die Hälfte davon waren – weniger als 13 – zahlt er zwei Marken. Cason sagt nichts zum Fall, dass es zwei Spieler mit den meisten Kartenpunkten gibt. Diese müssen sich wohl die Marken vom dritten teilen; – um das zu vereinfachen könnte man alle genannten Wertungen verdoppeln.

Vier Spieler

Geben. Jeder Spieler erhält 19 Karten, erst 9, dann 10. Der Geber drückt zwei überzählige Karten. Wie oben sagen die Spieler nach beiden Runden, ob sie spielen wollen oder lieber Bergsteigen gehen.

Alleinspiel. Wenn gespielt wird, also wenigstens einer während der Geberunden nicht auf den Berg wollte, dann wird zuerst einmal herum gefragt, ob einer va solete, also Solo, d.h. allein gegen drei Spielen will. Der Alleinspieler darf eine Karte fordern, die dessen Inhaber an ihn abgeben muss. Der Alleinspieler gibt verdeckt ein Karte seiner Hand zurück. Nur der Narr darf nicht gefordert werden. Cason sagt nicht was passiert, wenn die geforderte Karte gedrückt wurde. – Vermutlich werden aber fast immer Honeurs, Könige oder hohe Tarock gefordert, so dass dieser Fall praktisch nicht vorkommen dürfte. Der Alleinspieler kann auf das Anfordern einer Karte verzichten, va sans prendre, dann verdoppeln sich die Wertungen für Kartenpunkte und Pagat ultimo.

Rufspiel. Wenn niemand allein spielen will, dann ruft der Geber einen König, den er nicht auf der Hand hält, oder wenn er alle 4 hält, den höchsten nichtgehaltenen Tarock. Das ist eine Extrapolation. Cason sagt nur: «ou l’Ange, au cas où il aurait déjà les 4 rois» und vergisst zu sagen was passiert, wenn er 4 Könige und XX hält usw. Vermutlich ist ein solcher Spieler allerdings irgendwann stark genug für ein Solospiel, so dass dieser Fall in der Praxis selten vorkommt. Der Gerufene identifiziert sich nicht gleich, sondern nur durch das Spiel der gerufenen Karte.

Falls der Spieler beim Solo oder im Rufspiel versehentlich eine Karte fordert bzw. ruft, die er selber hält, muss er sich entscheiden, ob er entweder ein sans prendre spielen will oder aufgeben und den einfachen Verlust für Kartenpunkte zu zahlen. In diesem Fall werden auch die gehaltenen Meldungen bezahlt. Ein «geheimes Solo», das absichtliche Rufen einer gehaltenen Karte, scheint nicht gespielt worden zu sein.

Bei der Abrechnung für die Kartenpunkte gibt es zwei Parteien. Da es jetzt 20 Stiche gibt (die Ablage zählt wieder als Stich), gibt es 72 Kartenpunkte. Wer weniger als 36 hat verliert einfach, bei weniger als 18 doppelt. Beim Alleinspiel zahlt oder erhält der Alleinspieler die Marken von bzw. an jeden Gegenspieler, beim Rufspiel rechnet der Rufer mit dem einen, sein Partner mit dem anderen Gegenspieler ab. Cason sagt nichts zum Fall 36:36. In den meisten italienischen Traditionen betrachtet man sowas als unentschieden (wie im Spiel zu dritt, wenn jeder 26 hat).

Die Wertungen für Meldungen und Pagat ultimo sind weiterhin individuell. Die Pagat-ultimo-Wertung, aber nicht die für die Meldungen, wird verdoppelt, wenn der Alleinspieler ohne Kartenforderung spielt.

Man wird vielleicht bemerken, dass auf der Möglichkeit eines Pagat ultimo zunächst das Hauptaugenmerk liegt, da dies immer den Grundbetrag von zwei Marken wert ist, während die Kartenpunkte eine oder zwei, und Meldungen immer nur eine Marke wert sind. Deswegen kann im Spiel zu viert einer der Partner zugleich in Sachen la partida Verbündeter, und in Sachen faire bagatte Gegenspieler seines Partners sein!

  • Cason, François (1930), Les Jeux de Cartes à Nice. In: Armanac Nissart: 277–290. Online in der Sammlung Occitanica, Centre interrégional de développement de l’occitan (CIRDOC) Hg., Béziers.
  • Dummett, Michael; McLeod, John (2004), A History of Games Played with the Tarot Pack. Edwin Mellen, Lewiston, Queenstown, Lampeter. Englische Beschreibung nach Cason (1930): Spiele Nr. 8.43 und 8.44, Bd. 1: 190–194.
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© Ulf Martin, 2022. Version aktualisiert am: 6. Mai 2022

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